Craig hatte seinen linken Stiefel noch offen, als der Ruf hereinkam. Er war seit zwanzig Minuten zurück und hatte angekündigt, vor dem nächsten Flug mindestens sechs Stunden zu schlafen. Jetzt saß er bereits im Cockpit unserer gemieteten Cutlass Red, die Stiefelschnalle offen, und ging schon die Startliste durch. Den Becher, den er unterwegs vom Tisch im Bereitschaftsraum genommen hatte, stellte er neben die Konsole, ohne hinzusehen. Er war meiner.
Die Goodwill hing in dieser Nacht über der Tagseite von Yela. Durch die Scheiben der Landebucht sah man die Eiskruste des Mondes, grau und ohne Glanz, und dahinter, als dünnen hellen Strich, den Gürtel aus Gestein, der Yela umgibt. Die Goodwill war einmal ein Schiff der Navy gewesen, eine Endeavor der Hope-Klasse, gebaut, um Verwundete nahe der Front zu versorgen. Die Navy hatte sie ausgemustert und mit anderem Altbestand verkauft; Alice und ich hatten sie übernommen und den Namen behalten. Unter dem grauen Anstrich schimmerte an der Landebucht noch die alte Kennung durch. Von den zwei Operationssälen im Medizinmodul war einer in Betrieb. Alice Cordell hatte ihn in unserer ersten Woche an Bord abgenommen, Gerät für Gerät; den zweiten hatte sie unter Folie gelassen, bis es ein zweites Team gab, das darin arbeiten konnte. Wir waren sechs Leute auf einem Schiff, das für ein Vielfaches gebaut war, und wir hatten uns angewöhnt, nur das in Betrieb zu halten, was ein Patient brauchte. Die meisten Kabinen auf dem oberen Deck gehörten nicht dazu. Meine war seit Monaten nicht geheizt.
Myra Voss verstaute zwei Medizintaschen im Heck der Red und zählte anschließend die Verschlüsse. Sie tat das bei jedem Start zweimal. Ich kannte sie lange genug, um sie dabei nicht mehr anzusprechen. Auf meinem Display wartete Rina Ortega. Ihr Bruder saß nach einem Unfall in einem beschädigten Schiff im Gürtel fest. Die verbleibende Luft reiche für acht Minuten, sagte sie.
Rinas Funkspruch
„Acht Minuten sind nicht zu schaffen“, sagte Craig, ohne sich umzudrehen. „Schleuse, Ablegen, Sprung in den Gürtel: sechs, wenn ich ihn sauber setze. Dann suchen wir noch.“
„Wir fliegen trotzdem.“
„Habe ich auch nicht anders vor.“ Er schloss die Dekontaminationsschleuse der Landebucht hinter uns und ließ die Red fallen.
Oben in der Flugleitung der Bucht stand Alice hinter der Scheibe, das Headset bereits auf. Sie hatte den Ruf mitgehört und keine Frage gestellt. Als die Red aus der Bucht fiel, sah ich, wie sie sich abwandte und in Richtung Medizinmodul ging, das Headset noch auf; den Notrufkanal nahm sie mit. Ich wusste, was sie vorhatte: den Operationssaal hochfahren, bevor feststand, ob wir ihn brauchten. In Orison hatte sie das zehn Jahre lang so gehalten, und niemand hatte je gezählt, wie oft der Saal umsonst bereit gewesen war.
Ich hatte auf meinem mobiGlas einen Zähler gestartet, acht Minuten, aus Gewohnheit. Er lief ab, während der Quantenantrieb hochfuhr und Craig den Zielpunkt im Gürtel kalibrierte. Ich sah zu, obwohl die Zahl nichts mehr bedeuten konnte. Es war die einzige Angabe, die wir hatten.
Im Hintergrund von Rinas Übertragung lief ein gleichmäßiges Summen. Wer von Bord eines Schiffs funkt, dem die Luft ausgeht, atmet schnell und spricht in kurzen Sätzen; Rina sprach in ganzen, und hinter ihr atmete niemand. Ich sah Myra an. Sie hatte dasselbe gehört und noch etwas mehr: Das Summen war zu tief für ein kleines Schiff. Es kam von Stationslüftern, und Myra kannte sie. Rina war gar nicht bei ihrem Bruder.
„Wo sind Sie?“
Eine Pause. „Grim HEX.“
Ich bat sie, mir Jalens letzte Nachricht weiterzuleiten. Ich wollte seine eigenen Worte lesen. Sie kam als Textnachricht, vierzig Minuten alt. Jalen Ortega hatte einen Schlag gegen den Steuerbordrumpf gemeldet, einen blockierten Zugang zum Cockpit, Schmerzen in der linken Hand, keinen Strom mehr an Bord und ein Schiff, das sich nicht mehr steuern ließ. Von acht Minuten stand dort nichts. Seit dieser Nachricht hatte er nicht mehr geantwortet.
„Wenn ich nur Unfall sage, kommt niemand“, sagte Rina. Dann, leiser: „Brechen Sie jetzt ab?“
„Nein“, sagte ich. „Wir fliegen. Ab jetzt brauche ich von Ihnen nur, was Sie wissen, nicht was Sie befürchten.“ Ich gab das Headset an Myra weiter; die Lage zu klären war ihre Arbeit, und sie konnte es besser als ich. Sie fragte Rina nach der Kennung der Kestrel, nach dem Schiffstyp, nach der Zahl der Personen an Bord und nach Jalens letzter bestätigter Position. Keine ihrer Fragen enthielt einen Vorwurf. Ich las währenddessen Jalens Nachricht ein zweites Mal. Schmerzen in der linken Hand: also bei Bewusstsein und klar genug, um zu schreiben. Kein Strom, also keine Heizung: Nach vierzig Minuten war die Kälte im Schiff gefährlicher als die Luft. Das hatte ich in meinem ersten Jahr als freier Notarzt auf einem Erzfrachter gelernt. Der Mann dort hatte Luft für einen ganzen Tag gehabt und war nach drei Stunden trotzdem kaum noch ansprechbar, weil niemand an die Heizung gedacht hatte. Seitdem lese ich „kein Strom“ als „kalt“. Ich gab Alice beides durch, die verletzte Hand und die Kälte, damit sie den Aufwachraum vorwärmen konnte. Sie bestätigte mit einem einzigen Wort.
Als Myra fertig war, wussten wir, dass wir eine MISC Freelancer suchten, dass Jalen allein an Bord war und dass sein letzter Positionsmarker vier Kilometer von einem stillgelegten Abbaufeld lag, das Rina uns markierte.
Grim HEX liegt im Gürtel von Yela. Everline Structures hatte die Station kurz nach der Erschließung des Systems in einen ausgehöhlten Asteroiden gebaut, als Unterkunft für die Bergleute, die den Gürtel abtragen sollten. Als die Arbeit ausging, blieb die Station; 2938 wurde sie offiziell geschlossen, und andere Leute übernahmen sie. Für mich war sie in dieser Nacht vor allem ein Ort, von dem aus Rina nicht rechtzeitig zu ihrem Bruder kommen konnte. Myra war dort geboren worden. Sie hatte das Lüftergeräusch erkannt, bevor Rina den Namen sagte.
Der Zähler auf meinem mobiGlas stand auf null. Ich stellte ihn ab. Die Zahl hatte nie gestimmt. Was zählte, war die Kälte.
Craig geht näher heran
Der Sprung endete in einem Feld aus Schatten. Der Gürtel von Yela sieht von weitem aus wie ein Strich; von innen ist er langsam kreisendes Gestein, zwischen dem die Sterne auf- und abblenden. Dazwischen hing Eisstaub, so dicht wie die Kürbissuppe meiner Großmutter, Gott hab sie selig; man hätte einen Löffel hineinstellen können, und der Scanner sah darin ungefähr so viel wie ich. Craig drosselte, bis die Red kaum noch Fahrt hatte, und ließ den Scanner laufen. Ein Kontakt in Reichweite: ein Rumpf, keine Energie, keine Kennung, acht Kilometer vom Marker entfernt und weiter abdriftend.
Craig Harker hatte früher Kampfeinsätze für die UEE Navy geflogen. Im Oktober 2945 war er im Vega-System eingesetzt gewesen, nach dem Vanduul-Angriff auf Vega II. Von den Begleitflügen danach erzählte er gelegentlich technische Einzelheiten: ein ausgefallenes Funkgerät, eine falsche Frachtkennung, ein zu spät freigegebener Start. Von den Menschen an Bord der Transporte, die er begleitet hatte, fast nie.
Er flog dichter an den Felsbrocken vorbei, als mir lieb war. Ich sah die Kestrel nur kurz zwischen zwei dunklen Flächen: eine Freelancer, die Steuerbordseite eingedrückt, ein abgerissener Antennenträger, der bei jeder Drehung über den Rumpf strich. Sie rollte langsam um ihre Längsachse. Craig kippte die Red auf die Seite und hielt sie dort, während das beschädigte Schiff wieder in Sicht kam. Craigs trockener Ton aus der Landebucht war verschwunden.
„Schleuse backbord, mittschiffs. Zwei Minuten, dann dreht sie uns die Seite weg.“
„Wie nah kannst du gehen?“, fragte ich.
Craig zeigte auf den Träger. „Dreißig Meter. Näher nur, wenn du willst, dass uns das Ding die Scheibe eindrückt.“
„Dreißig. Myra und ich gehen an der Leine rüber, du bleibst am Steuer.“ Wie nah, war seine Entscheidung; wer ging, meine. Myra hakte ihre Tasche an den Gurt, noch während ich es sagte.
An Bord der Kestrel
Die Außentür der Schleuse ließ sich von Hand öffnen und hinter uns wieder schließen. Dahinter war es dunkel und still; nur die Notbeleuchtung glomm in Bodenhöhe. Der Druck hielt, die Anzeige an der Innentür zeigte Kabinenatmosphäre, aber die Luft, die uns entgegenkam, als Myra die Tür einen Spalt aufbrachte, war kalt wie in einem Kühlraum. Ohne Strom hatte die Kestrel seit fast einer Stunde nicht mehr geheizt.
Die Innentür klemmte. Der Rahmen war beim Aufprall verzogen worden; der Spalt reichte für einen Arm, nicht für einen Menschen. Dahinter, im Gang zu den Kojen, saß Jalen auf dem Boden und versuchte, eine beschädigte Werkzeugtasche mit der rechten Hand zu schließen. Die linke hielt er gegen die Brust gedrückt. Er trug seinen Anzug, den Helm neben sich.
„Ist noch jemand an Bord?“, fragte ich durch den Spalt.
„Darf die Tasche mit?“
Myra setzte den Spreizer an, den Craig uns in letzter Minute mitgegeben hatte, und bog den Rahmen Zentimeter für Zentimeter zurück. Als sie Jalen beim Vornamen nannte, sah er zum ersten Mal auf. Rina hatte uns gesagt, wie er auf Fremde reagierte: Er beantwortete Fragen lieber mit einer Gegenfrage.
Ich kam als Erster durch und ließ die Tasche, wo sie war. „Die Tasche kommt mit“, sagte ich. „Erst die Hand, dann die Tasche, dann du.“ Jalen sah mich an, als hätte er mit einem Streit gerechnet und keinen bekommen. Dann legte er die Tasche selbst neben sich ab und hielt mir die linke Hand hin.
Die Tasche stand halb offen; der Reißverschluss war beim Aufprall ausgerissen. Darin lagen Werkzeug und ein Satz Ersatzsicherungen. „Passt ihr darauf auf?“, fragte Jalen. „Die Hälfte gehört Rina.“ Myra drückte die Tasche zu, so gut es ging, und hängte sie sich über die Schulter.
Die Hand war geschwollen und über dem Mittelhandknochen verformt. Ich schiente sie. Jalen zitterte, und die Finger seiner rechten Hand waren weiß vor Kälte; leicht unterkühlt, nicht mehr; viel länger hätte es aber nicht dauern dürfen. Die Anzeige an seinem Anzug stand fast auf null: Die Heizung hatte den Akku in der Stunde ohne Bordstrom leergezogen. Myra hatte schon einen vollen aus ihrer Tasche geholt. Seit dem Erzfrachter liegt in jeder unserer Notfalltaschen ein Anzugakku, und Myra zählt ihn vor jedem Start mit. Sie tauschte ihn, stellte die Heizung auf das Maximum, setzte ihm den Helm auf und erzählte ihm, wie lange es dauern würde, bis ihm wärmer wurde; das lenkte ihn von den Schmerzen ab. Dann brachten wir ihn durch die Schleuse und an der Leine zurück zur Red. Craig war mit der Drehung des Wracks mitgegangen und hielt den Abstand auf den Meter. Hinter uns drehte sich die Kestrel weiter, und der abgerissene Träger strich bei jeder Drehung lautlos über ihren Rumpf.
In der Red legten wir Jalen auf eine der beiden Liegen. Myra blieb bei ihm und gab die Werte an die Goodwill durch, so wie sie es dreizehn Jahre lang auf dem Weg ins Orison General getan hatte. Craig nahm Kurs auf die Goodwill. Auf meinem Display lag inzwischen eine Nachricht von Rina: Myra hatte sie nach der Kennung der Kestrel gefragt, und Rina hatte die Unterlagen zum Schiff geschickt. Vierzehn Seiten; für eine Kennung hätte eine Zeile gereicht. Ich ließ sie ungeöffnet. Jetzt ging es um Jalen, nicht um sein Schiff.
Jalen wollte zurück nach Grim HEX. Myra sagte ihm, wir flögen zuerst zur Goodwill, damit sich eine Chirurgin die Hand ansehen könne. Er schwieg den Rest des Fluges und stellte erst beim Anflug wieder eine Frage: Wer ihn danach zu seiner Schwester zurückfliege.
Goodwill, 04:10
Die Landebucht der Goodwill lag unter ihrem Rumpf, und dort war Platz für zwei Reds. Craig setzte sie auf ihren Platz; der zweite war leer. Irgendwann würden wir ein zweites Rettungsschiff brauchen. Die Dekontaminationsschleuse brauchte ihre Minute. Jalen fragte währenddessen, ob das hier ein Krankenhaus sei. „Ein halbes“, sagte Myra. Die eine Hälfte der Goodwill blieb ungeheizt. Der Operationssaal lag in der anderen.
Alice erwartete uns am Ende des Gangs zum Medizinmodul, in OP-Kleidung, die Hände noch trocken. Hinter ihr brannte Licht in dem Teil des Moduls, den wir benutzten: der Aufnahmeraum, der Scanner, der eine Saal, der Aufwachraum mit vier Betten. Sie sah Jalen an, nicht mich, und stellte ihm drei Fragen, bevor er seine erste Gegenfrage unterbringen konnte: wann er zuletzt gegessen hatte, ob er Medikamente nahm, ob er auf etwas allergisch war. Er antwortete auf alle drei. Ich gab ihr den Rest in vier Sätzen: Zeitpunkt des Unfalls, die Stunde in der Kälte, die Werte aus der Red, die Medikamente, die er bekommen hatte.
Alice Cordell und ich hatten zehn Jahre nebeneinander im Orison General gearbeitet, sie im Saal, ich in der Notaufnahme, und wir hatten das Hospital am selben Tag verlassen. Sie ist Unfallchirurgin und auf der Goodwill die leitende Ärztin: Sie entscheidet, was in ihrem Saal gemacht wird und was nicht. Ich bin Notfallmediziner. Ich bringe ihr die Patienten und gebe die Narkose, wenn niemand da ist, der es besser kann.
Sie legte die Hand unter den Scanner. Drei Mittelhandknochen gebrochen, zwei davon verschoben, die Haut unversehrt. Keine Durchblutungsstörung, keine Nervenausfälle. Alice drehte das Bild zweimal, dann richtete sie sich auf.
„Heute Nacht“, sagte sie. „Zwei Platten, vielleicht drei. Jetzt komme ich noch an die Fragmente, bevor die Hand ganz zuschwillt. Wenn ich warte, warte ich eine Woche, und so lange bewegen sich die Bruchstücke gegeneinander.“
Jalen hörte das Wort Platten und fuhr hoch. „Und wenn ich Nein sage?“
„Dann reden wir noch einmal darüber. An der Hand ändert das aber nichts.“ Alice nahm ihm die Schiene ab und sah sich die Finger an, einen nach dem anderen. „Können Sie den Daumen bewegen? Gut. Den hier? Nicht so weit. Das reicht.“ Dann sah sie ihn zum ersten Mal länger an. „Die Hand zuerst. Über alles andere reden wir, wenn Sie wieder zwei davon haben.“
Myra war schon an den Schränken. Dreizehn Jahre Rettungsdienst, zwei Jahre an Alices Tisch; sie instrumentierte, seit wir die Goodwill hatten, und sie wusste, in welcher Reihenfolge Alice die Instrumente bereitliegen haben wollte. Craig stand in der Tür des Moduls, den Stiefel inzwischen geschlossen. Ivo schlief drüben auf der Dauntless, und Nadia war mit der MAX auf dem Nachschubflug nach Orison; außer Craig gab es an Bord niemanden, der die Red hätte fliegen können. Er war seit zweiundzwanzig Stunden auf den Beinen. Alice sah ihn an und sagte, er solle schlafen gehen; falls sie einen Piloten brauche, werde sie ihn wecken. Er sah mich so lange an, bis ich nickte.
„Dein Kaffee steht in der Red“, sagte er. „Ich habe ihn nicht angerührt.“ Es war nicht wahr, und wir wussten es beide.
Saal eins, 04:50
Ich schreibe wenig über das, was im Saal geschieht, weil ich dort nicht die Hauptperson bin. Ich saß am Kopfende, mit den Werten vor mir und Jalens Atem im Ohr, und sah Alice zu, wie sie die Hand öffnete. Sie spricht beim Operieren kaum. Was sie sagt, ist an Myra gerichtet, und es sind die Namen von Instrumenten, nie Erklärungen. In Orison hatte sie einen Saal mit sechs Leuten gehabt. Hier hatte sie Myra und mich, und sie hatte den Ablauf so umgebaut, dass drei reichten. Das hatte sie in den ersten Wochen auf der Goodwill Handgriff für Handgriff geübt, an Abenden, an denen kein Patient da war.
Nach zwanzig Minuten fiel Jalens Blutdruck. Nicht viel, aber schneller, als mir gefiel; ein Mann, der eine Stunde in einem kalten Schiff gesessen hat, hat wenig Reserve. Ich gab ihm Flüssigkeit und ein Medikament, das die Gefäße wieder enger stellt, und sagte Alice den Wert. „Brauchst du eine Pause?“, fragte sie. „Nein. Gib mir zwei Minuten.“ Sie arbeitete weiter, ohne aufzusehen. Nach zwei Minuten stand der Wert wieder, wo er hingehörte. In Orison hätte dafür ein ganzes Narkoseteam am Kopfende gestanden. Hier saß ich dort, und Alice verließ sich darauf.
Die zweite Platte saß nach einer Stunde. Die dritte brauchte sie nicht; der dritte Bruch war nicht verschoben, und sie ließ ihn, wie er war. Als sie die Hand schloss, sah sie zum ersten Mal auf die Uhr.
„Sechs Wochen, bis er damit arbeitet“, sagte sie. „Zwei, bis er es trotzdem versucht. Das ist dann deine Abteilung.“
Sie meinte Myra. Myra nickte, ohne von den Instrumenten aufzusehen, die sie bereits zählte.
Jalen wachte im Aufwachraum auf. Alice schlief dort sonst selbst, wenn die Nacht kurz war; ihre Kabine oben war so kalt wie meine. In dieser Nacht würde sie die Bank im Bereitschaftsraum nehmen. Das Erste, was er fragte, war, ob sein Schiff noch da sei. Myra sagte, es treibe im Gürtel, wo wir es gefunden hätten, und niemand habe es angerührt. Das Zweite, was er fragte, war, ob die Tasche mitgekommen sei. Sie stand neben dem Bett.
Goodwill, 06:30
Nach dem Eingriff sprach ich mit Rina, von der Flugleitung über der Landebucht aus, von wo man den Gürtel sieht. Sie war seit unserem Start nicht vom Gerät weggegangen. Ich sagte ihr zuerst das Wichtigste: dass die Hand operiert war, dass Alice zufrieden war und dass Jalen schlief. Dann entschuldigte sie sich für die acht Minuten. Ich wollte ihr erklären, was ihre falsche Zeitangabe hätte auslösen können: ein Pilot, der zu dicht herangeht; ein Arzt, der im Gang die falsche Entscheidung trifft, weil er glaubt, keine Zeit zu haben. Ich ließ sie erst einmal ausreden.
Sie hatte bereits zwei andere Kontakte versucht. Der eine war nicht erreichbar gewesen. Der andere hatte Fragen gestellt, die mit Jalen nichts zu tun hatten, und am Ende abgesagt. Beim dritten Versuch hatte sie Angst gehabt, wieder abgewiesen zu werden. Also hatte sie uns eine Zahl genannt, bei der niemand nachfragt.
Ich erklärte ihr, weshalb wir genaue Angaben brauchten, und dass sie beim nächsten Mal nur sagen müsse, was sie wisse. Sie fragte, wann sie kommen könne. Ich sagte, dass wir sie holen würden, sobald einer von uns in den Gürtel flog. Rina schwieg eine Weile. Dann fragte sie nach dem Schiff, und ich sagte ihr, dass Ivo es sich ansehen werde. Ivo wusste von seinem Glück noch nichts.
Craig wartete unten in der Bucht an der Red, obwohl Alice ihn schlafen geschickt hatte. Mein Becher stand noch neben der Konsole, wo er ihn beim Start abgestellt hatte, kalt und fast leer. Als ich danach griff, zog er ihn noch einmal zu sich und trank den Rest.
„Beim nächsten Einsatz nehme ich zwei Becher mit“, sagte ich.
„Gute Idee“, sagte Craig und stellte den leeren Becher zurück. „Dann muss ich nicht teilen.“
Myra reichte mir eine Flasche Wasser und legte mir Rinas Unterlagen, die ich seit dem Gürtel nicht geöffnet hatte, aufs Display.
Die Kestrel gehörte nicht Jalen allein. Rina hielt den größeren Anteil, und diesen Anteil hatte sie als Sicherheit für ein privates Darlehen eingesetzt. Wenn das Schiff abgeschrieben wurde, war die Sicherheit weg. Deshalb hatte Rina am Ende auch nach dem Schiff gefragt und nicht nur nach ihrem Bruder. Und deshalb die vierzehn Seiten: Sie hatte gehofft, dass Leute, die Verletzte aus dem Gürtel holen und Wracks reparieren, sich auch die Kestrel ansehen würden. Gelogen hatte sie wegen Jalen. Die Unterlagen hatte sie wegen des Schiffs geschickt.
Alice kam in die Bucht, die OP-Kleidung gegen eine Jacke getauscht, und setzte sich auf die Stufe der Red. Sie trank Tee, aus einem Becher, den niemand sonst anrührte, weil er ihrer war und weil es Tee war. Ich sagte ihr, dass Rina nach dem Schiff gefragt hatte.
„Natürlich hat sie das“, sagte Alice. „Die Hand ist versorgt. Das Schiff nicht.“
Ob es noch zu retten war, konnte von uns nur einer beurteilen, und für den hatte ich gerade Arbeit zugesagt, ohne ihn zu fragen. Das würde ich mit Ivo klären, als Erstes, bevor er es von jemand anderem hörte.

