Nadia strich meinen Vorschlag mit einer einzigen Bewegung durch. Ich hatte vorgeschlagen, Jalen am nächsten Tag mit der Red nach Grim HEX zu bringen, irgendwo zwischen Craigs Sechs-Uhr-Runde, die es seit dem Flug zur Kestrel jeden Morgen gab, und der Bestandsaufnahme mit Alice. Als ließe sich ein Flug nach Grim HEX nebenbei erledigen. Sie saß seit einer Stunde an ihren Frachtunterlagen und suchte nach einer Möglichkeit, Jalen heute mitzunehmen, ohne die Lieferung zu gefährden, die sie am Vorabend aus Orison mitgebracht hatte.
„Die MAX ist seit gestern Abend beladen, zwölf Container für die Werkstatt auf Grim HEX; um zehn starte ich. Die Werkstatt nimmt die Teile bis zum Schichtende an, danach steht die MAX bis morgen auf dem Pad.“ Sie tippte auf die zweite Zeile. „Wenn Craig ihn morgen mit der Red fliegt, ist außer euch beiden niemand dabei, und du hast um sechs Craigs Runde und um acht Alice. Wenn er heute mit uns fliegt, sitzt er auf dem Platz hinter mir, und Myra ist dabei.“
„Dein Plan ist besser“, sagte ich. Alice, die in der Tür des Bereitschaftsraums stand, sagte, dass sie Jalen um neun entlassen werde, falls die Wunde so aussehe wie gestern. Die Nachricht an Rina schrieb ich selbst.
Alices Visite
Alices Visite dauerte an diesem Morgen länger als sonst, weil Jalen die Schiene in den neun Tagen auf der Goodwill zweimal eigenmächtig gelockert hatte, um die Finger zu bewegen. Beim ersten Mal hatte Myra es gesehen. Beim zweiten Mal hatte Alice es gesehen, und seitdem lag die Schiene so, dass man sie nur mit zwei Händen öffnen konnte. Sie nahm sie ab, sah sich die Naht an, drückte an drei Stellen, fragte nach dem Gefühl in den Fingerspitzen und legte die Schiene wieder an. Dann setzte sie sich auf den Stuhl neben dem Bett, was sie bei Visiten selten tat.
„Sechs Wochen“, sagte sie. „Keine Werkzeuge mit der linken Hand, kein Festhalten an Griffen, und an der Schiene wird nicht herumgefummelt. Myra kommt in einer Woche nach Grim HEX und zieht die Fäden. Danach reden wir über die Finger. Wenn vorher etwas warm wird, anschwillt oder anders aussieht als jetzt, ruft Ihre Schwester uns, und zwar bevor Sie es sich schönreden.“
Jalen fragte, ob er fliegen dürfe. Alice fragte zurück, womit. Er fragte, ob er an der Kestrel arbeiten dürfe, wenn sie geschleppt sei. Alice sagte: „Mit der rechten Hand und mit Ivo daneben.“ Er fragte, ob er die Schiene nachts abnehmen dürfe. Alice stand auf.
Myra sagte, sie werde beim Fädenziehen auch die Schiene kontrollieren, und trug es sich ein, bevor Alice danach fragen konnte.
Jalen hatte die neun Tage im Aufwachraum verbracht, weil Alice ihn nicht auf eine Station ohne Arzt entlassen wollte, solange die Wunde frisch war. Und sobald er sitzen konnte, war er nicht mehr stillzuhalten; es brauchte jemanden in der Nähe, der auf ihn aufpasste. Am dritten Tag hatte er mit der rechten Hand begonnen, das Regal mit dem Verbandmaterial umzuräumen, nach Größe und Verfallsdatum, so wie die Kästen über seiner Werkbank. Alice hatte es geschehen lassen. Myra hatte danach zwei Tage gebraucht, um die Dinge wiederzufinden, und ihm dann die Beschriftung übertragen. Seitdem stand an jedem Fach ein Zettel in seiner Handschrift.
Jalen war Ende zwanzig und hatte die Kestrel vier Jahre lang geflogen, zuletzt allein. Dass jemand anderes ihm jetzt sagte, wann er wohin flog, hielt er für den eigentlichen Schaden.
Nadia hatte Jalens Rückflug mit der Lieferung verbunden, statt ihn als eigenen Flug zu planen. Von ihren früheren Touren zwischen Area18 und Orison wusste sie, wie schnell eine kleine Planänderung einen ganzen Tag verschob. Von mir selbst wusste ich, dass ich Hilfe gern zusagte, bevor die Folgen zu sehen waren. Deshalb führte nicht ich den Terminplan der Crew, sondern Nadia; ich hatte sie darum gebeten. Für den kommenden Monat legte sie ihn mir vor, mit einem Namen neben jeder Zeile.
Der Flug nach Grim HEX
Die MAX lag um zehn startbereit am Andockkragen der Goodwill. Im Gang zum Medizinmodul standen noch zwei Paletten mit medizinischem Nachschub, die Nadia am Vorabend aus Orison mitgebracht hatte. Myra und Alice räumten sie selbst ein; in ihren Regalen sollte jedes Teil dort liegen, wo sie es im Notfall blind fanden. Jalen stand an der Schleuse, sah durch das Fenster auf die MAX und konnte den Blick nicht von ihr lösen.
„Gleicher Rumpf wie die Kestrel“, sagte er. „Nur mehr Laderaum. Ich kenne jede Klappe an dem Ding.“
„Dann weißt du auch, wo du sitzt“, sagte Nadia und zeigte auf den Platz hinter dem Pilotensitz.
Craig kam mit einer Werkzeugtasche an Bord. Ivo hatte ihm einen neuen Halter für die seitliche Konsole der MAX mitgegeben; er wollte ihn einbauen, während Nadia die Ladung sicherte. Ivo war drüben auf dem Hangardeck der Dauntless und über Funk dabei, und keine Minute später stritten die beiden über den Winkel der Halterung. Jalen hörte vom Sitz aus zu. Nach einer Weile mischte er sich ein.
„Auf der Kestrel habe ich das anders gelöst. Mit einem Winkelstück, nicht mit der Platte.“
Am anderen Ende der Verbindung war es einen Moment still. „Mit Draht?“, fragte Ivo.
Jalen sah auf seine Schiene. „Der Draht war woanders. Das Winkelstück hat gehalten.“
Ivo ließ ihn ausreden. Dann fragte er nach einem Maß. Es war das erste Gespräch seit dem Unfall, in dem es nicht um seine Hand ging oder um das, was er nicht durfte, sondern um das, was er konnte. Myra setzte sich neben mich und ließ die beiden weiterreden.
Ich kannte das aus elf Jahren Orison: Wer nach Hause darf, freut sich am Morgen und ist am Mittag still. Bei Jalen lag es daran, dass wir fast jede Entscheidung für ihn trafen. Er wollte arbeiten, hatte aber mit einer geschienten Hand noch keine Zusage für einen neuen Auftrag. Seine Schwester hatte ihm bisher nur gesagt, dass sie zu Hause weiterreden würden. Er wusste nicht, ob das eine gute Nachricht war.
Alice kam zur Schleuse, während Nadia die Ladung ein letztes Mal prüfte. Sie gab Jalen keinen Rat mehr. Sie gab ihm einen Umschlag mit ihrem OP-Bericht für den Fall, dass er doch einmal in ein anderes Hospital musste, und sagte, er solle ihn nicht mit der linken Hand öffnen. Dann ging sie zurück, ohne zu winken. Alice winkt nicht.
Nadia legte von der Goodwill ab, und das Hospitalschiff blieb hinter uns zurück, bis nur noch sein eines erleuchtetes Modul zu sehen war und daneben, dunkel im Raum, die mächtige Silhouette der Dauntless. Der Sprung in den Gürtel ist kurz; der Weg zwischen den Felsen ist es nicht. Nadia flog ihn mit der Geduld, die sie für Fracht hat und für wenig anderes. Als sie die Ladung nach dem Sprung noch einmal prüfte, fragte sie Jalen, ob er bei den Frachtpapieren helfen könne. Er konnte die Kennungen der Container auf dem Display kontrollieren, ohne die Hand zu belasten. Er fand eine vertauschte Endziffer, die am Pad zu einer Rückfrage geführt hätte. Nadia ließ ihn die Korrektur selbst an den Empfänger schicken.
Kurz nach dem Sprung, noch weit vor Grim HEX, meldete sich eine Stimme auf dem offenen Kanal, ohne Kennung. Sie wollte wissen, was wir geladen hätten und für wen. Craig war schon auf dem Weg in den Turm, als Jalen den Kopf schüttelte.
„Nicht antworten. Weiterfliegen, zum Pad. Die fragen jeden. Wer antwortet, ist neu hier.“
Nadia sah ihn in der Spiegelung der Scheibe an, dann flog sie weiter, ohne den Kanal zu öffnen. Die Stimme fragte noch zweimal und gab auf. Craig setzte sich wieder. Er sagte nichts, aber er nickte Jalen zu, und Jalen tat so, als hätte er es nicht gesehen.
Das Foto aus New Corvo
In Craigs Werkzeugtasche steckte eine flache Schutzhülle. Als er die Tasche nach dem Einbau ausräumte, um das Werkzeug für Ivo zu sortieren, fiel sie heraus, und ein altes Bild rutschte aus der Hülle. Darauf standen vier Menschen unter einem Schild, von dem nur die obere Hälfte zu sehen war. Ich erkannte Craig an seinem schiefen Lächeln; er trug keine Uniform und war vielleicht Mitte dreißig.
Er sagte, das Bild sei in New Corvo aufgenommen worden, ein paar Jahre vor dem Angriff. Die Stadt liegt auf Aremis, dem zweiten Planeten von Vega, an einer Bucht zwischen Wald und Flachland. Dass die Vanduul im Oktober 2945 dort Verwüstung angerichtet hatten, wusste ich nicht nur aus den Berichten. Alice und ich hatten danach vier Monate in den Behelfslazaretten rund um die Stadt gearbeitet. Ich hatte das Craig nie erzählt. Er hatte mir nie erzählt, dass er von dort stammte.
Beim Angriff war er im Dienst gewesen, mit seiner Staffel im System, aber nicht über der Stadt. In den Wochen danach flog er Begleitschutz für die Versorgungsflüge nach Aremis. An die Flüge erinnerte er sich genau: welche Transporte er begleitet hatte, wann sie angekommen waren, welches Hospital die Verletzten aufgenommen hatte, Saint Aerik's, bis dort kein Platz mehr war. Er sagte den Namen, als hätte er ihn seit Jahren nicht mehr ausgesprochen. Ich erzählte ihm, dass wir die Verletzten aufgenommen hatten, die diese Transporte aus den Siedlungen um New Corvo brachten, als in Saint Aerik's kein Platz mehr war: in Zelten am Stadtrand. Alice hatte dort in einem Operationssaal gearbeitet, der aus zwei zusammengestellten Containern bestand. Ob wir uns damals begegnet waren, wussten wir beide nicht. Es waren zu viele Transporte gewesen, und zu wenig Schlaf.
Wo seine Schwester in diesen Wochen war, erfuhr er erst später. Sie hatte überlebt. Als sein letztes Dienstjahr zu Ende ging, wollte sie, dass er nach Hause kam.
„Warum bist du nicht zurückgegangen?“, fragte ich.
Craig drehte das Bild um. Auf der Rückseite stand eine Adresse, mehrmals von Hand korrigiert. Die letzten beiden Einträge waren gleich: Seine Schwester wohnte seit Jahren am selben Ort.
Er überlegte lange, bevor er antwortete, und dann antwortete er nicht auf die Frage. Er sagte, dass die Stadt auf dem Bild nicht mehr existiere, nicht so. Dass er sie zweimal von oben gesehen habe, in den Wochen nach dem Angriff, und seitdem nicht mehr. Dass es leichter sei, eine Adresse zu haben, als dort zu klingeln. Ich ließ ihm Zeit. Bis Nadia den Anflug vorbereitete, sprachen wir über Alltägliches: dass seine Schwester Tessa hieß, was sie arbeitete, dass sie beim Wiederaufbau eines Stadtteils mitgeholfen hatte und warum sie ihm noch immer jedes Jahr dieselbe Adresse schickte, als könnte er sie verloren haben. Ich merkte mir den Namen.
Ankunft bei Rina
Grim HEX war für Jalen zu Hause. Für Nadia stand dort die Frachtübergabe an. Myra führte uns vom Pad durch die Gänge, ohne nach dem richtigen Abzweig zu suchen, vorbei an Dumper's Depot und an Ständen, deren Betreiber uns nachsahen, bis wir um die Ecke waren. Über dem Atrium hing der große Bildschirm, von dem die halbe Fläche seit Jahren tot war; das Bild darauf zerfiel in Streifen. „Der war schon kaputt, als ich ging“, sagte Myra. Es war das Einzige, was sie über damals sagte. Ich hätte sie gern gefragt, wann sie zuletzt hier gewesen war. Sie sah aus, als wollte sie diese Frage heute nicht beantworten.
Rina wartete mit einer Jacke für ihren Bruder. Es war seine gute Jacke, und sie hatte den linken Ärmel an der Naht aufgetrennt, damit er über die Schiene passte. Jalen beschwerte sich, dass sie seine gute Jacke zerschnitten hatte. Rina sagte, er könne sie selbst wieder zunähen, sobald die Hand dazu bereit sei. Dann nahm sie ihm die Tasche ab, bevor er erneut widersprechen konnte.
Während Nadia mit der Werkstatt die Container abzählte, fragte Rina Myra, wo auf der Station sie gewohnt habe. Myra nannte eine Sektornummer, nichts weiter. Rina nickte, als wüsste sie, was aus diesem Sektor geworden war, und fragte nicht weiter. Die beiden verstanden sich auch über das, was sie nicht sagten. Mir blieb das verschlossen.
Danach erzählte ich Rina, was aus meiner Zusage geworden war. Ivo hatte bei zwei Werften angefragt, einer auf der Providence-Plattform und einer in Lorville, und beide hatten geantwortet: Die eine würde die Kestrel schleppen und begutachten, die andere wollte den Quantenantrieb, falls das Schiff nicht mehr flog. Ich ging beide Antworten mit ihr durch, Zeile für Zeile, und sagte ihr auch, was ich nicht wusste: welche der beiden ihr Geldgeber lieber sähe. Ivo würde das mit ihr klären, wenn sie wollte. Rina las beide Antworten zweimal. Dann fragte sie, warum wir das machten.
„Weil ich es Ihnen zugesagt habe“, sagte ich. „Und weil Ivo die Werkbank Ihres Bruders gesehen hat.“
Die Werkstatt nahm die zwölf Container an, zwanzig Minuten vor Schichtende. Als Nadia die Übergabe quittierte, stand Jalen neben ihr und sah auf das Display.
„Die Papiere“, sagte er. „Wenn du jemanden brauchst, der die kontrolliert. Dafür brauche ich keine zwei Hände.“
Nadia sah ihn an, dann die Schiene, dann wieder ihn. „Ich melde mich“, sagte sie. Es klang nicht wie eine Floskel. Bei Nadia klingt nichts wie eine Floskel, und genau deshalb glaubte er ihr.
Auf dem Rückweg zum Pad trug Myra mit Rinas Einverständnis den Termin ein, an dem sie die Fäden ziehen würde, und dazu den Betrieb, in dem Rina ihre Schichten arbeitete. So konnte Myra sie erreichen, ohne dass Jalen ans Gerät musste. Craig war bei der MAX geblieben; als wir kamen, schickte er gerade eine Nachricht.
Auf dem Rückflug legte er das Foto nicht in die Werkzeugtasche. Er klemmte es in den neuen Halter, den er am Vormittag eingebaut hatte, gleich neben seinem Sitz. Ich fragte ihn nicht nach der Antwort seiner Schwester.

